LeobschützDas EndeKontakte
   
 

Leobschütz / Oberschlesien: Eine private Homepage zur Erinnerung an die Kultur und die Menschen in der Stadt und dem Kreis Leobschütz O/S von Kurt Sander.

Weitere Berichte, Sehenswürdigkeiten in der Stadt und im Kreis Leobschütz und viele Bilder finden Sie unter: http://www.leobschuetz-oberschlesien2.de/


Das Ende einer deutschen Stadt – Flucht und Vertreibung
 
Am 16. März 1945 gibt es den ersten Fliegerangriff auf Leobschütz. Der Ring, das Rathaus, die Kreuzstraße, Laubenstraße und Taumlitz werden getroffen. Es gibt die ersten Toten. Weitere Angriffe der russischen Luftwaffe bringen im ganzen Stadtgebiet große Zerstörungen durch Brand- und Sprengbomben.

Am 17. März 1945 ist Leobschütz fast ausgestorben. Um 13.00 Uhr wird die Zwangsevakuierung befohlen. Die verunsicherte Bevölkerung  flieht vor den Russen in Richtung Westen. Unzählige Trecks sind in Richtung Jägerndorf und in das Sudetenland unterwegs. Um 14.30 Uhr und 17.00 Uhr fahren die letzten Sonderzüge aus Leobschütz ab. Von den 14.000 Einwohnern der Stadt sind etwa 250 zurückgeblieben.

Am 24. März 1945 marschieren russische Abteilungen in Leobschütz ein.

Am 11. Mai 1945 übernimmt die polnische Administration die Stadt von den Russen.

In Massen kehrt die geflüchtete Bevölkerung in die Stadt und die Gemeinden zurück. Anfang Juni 1945 sind ca. 3.500 Leobschützer schon wieder in der Stadt. Unter schwierigsten Bedingungen versuchen sie einen Neuanfang. Für sie beginnt ein unvorstellbarer Leidensweg.

Zeitgleich treffen die  ersten Repatrianten in Glubczyce – wie Leobschütz nun auf polnisch genannt wird – ein. Die Umsiedlung der polnischen Bevölkerung aus Ostpolen hat begonnen.

Mitte Juni 1945 wird von der polnischen Verwaltung die Aussiedlung aller Deutschen angekündigt. Zwangsarbeit, Verhaftungen und Verschleppungen waren auf der Tagesordnung.

Leobschütz nach 1945 Leobschütz nach 1945
Bilder: Mit freundl. Genehmigung von H. Rathmann


Leobschützer Todeszug
 
Stellvertretend für den Leidensweg der deutschen Bevölkerung aus der Stadt und dem Landkreis Leobschütz der folgende Bericht eines Augenzeugen über die Vertreibung aus Leobschütz in Oberschlesien im September 1945:

Am 26. September 1945, frühmorgens gegen 5.00 Uhr, begann die Razzia gegen die Deutschen. Die polnische Miliz drang in die Häuser ein und jagte alle Deutschen auf die Straße. Die wenigsten hatten noch Zeit und Gelegenheit, etwas von ihren wenigen Habseligkeiten mitzunehmen.

Man trieb alle auf dem Ring zusammen und schaffte sie von dort teils in Lastautos, teils zu Fuß in das Lager von Marschke und Zilger. Seit sechs Wochen befand sich dort die Bevölkerung von Schlegenberg in diesem Lager. Es waren gegen 3.000 Menschen in dem Lager zusammengepfercht. Während der ganzen Nacht mussten die Männer ungeschützt im Regen stehen.

Am folgenden Tage wurde die Belegschaft des Lagers vom Stadtkommandanten und der polnischen Miliz nach der Parole ausgesondert: Frauen mit Kindern und alte Leute kommen ins Reich, arbeitsfähige Männer, Frauen ohne Kinder und junge Mädchen bleiben hier zur Arbeit.

Am 27. September 1945 gegen 5.00 Uhr nachmittags wurden die für den Abtransport bestimmten Personen zur Bahn gebracht. Nachdem man 70 bis 80 Personen wie Vieh in einen Güterwagen zusammengepfercht hatte, begann die Fahrt gegen 8.00 Uhr abends. Die polnische Miliz war dem Transport als Bewachung beigegeben. Niemand wusste, wohin die Fahrt geht.

Am 28. September 1945 kam der Transport in Neiße O/S an und wurde vier Tage auf einem toten Gleis stehen gelassen. Da keine Lebensmittel mitgenommen waren, sich auch sonst niemand um die Verpflegung kümmerte, schrien die Menschen vor Hunger nach Brot. Aber keiner gab es ihnen.

Soweit die Wagen von der polnischen Miliz geöffnet wurden, konnten die hungernden Menschen heraus und  suchten sich Rüben und Kartoffeln auf den nächstliegenden Feldern. Dabei wurden viele, besonders alte Frauen, von der polnischen Miliz mit Gummiknüppeln und Gewehrkolben geschlagen. Pater Ludwig begrub in den Wällen der Festung Neiße die ersten sieben Toten. Sie waren buchstäblich verhungert.

In der Nacht drang die polnische Miliz in die Wagen ein und nahm den Frauen die Handtaschen ab, durchsuchten sie, stahlen was ihnen gefiel. Immer wieder wurde versucht, Frauen aus den Wagen herauszuziehen und sie zu vergewaltigen. Viele Kinder und alte Leute starben. Auf jeder Haltestelle wurden die Toten ausgeladen und an den Fahrdämmen, in Schanzlöchern oder auf freiem Felde beerdigt.

Die Überlebenden des Transports erreichten über Camenz, Kroischwitz, Königszelt, Striegau, Maltsch, Liegnitz, Siegersdorf, Wehrkirch, Löbau und Zittau am 11. Oktober 1945 das Lager „Kosa“ in Niederoderwitz, Kreis Zittau/Sachsen. Auf der 15-tägigen Fahrt starben 88 Menschen an Hungertod und durch Erschöpfung. Weitere 280 Personen starben an Typhus und den Folgen der Ausweisung wenige Wochen später in Zittau/Sachsen und im Lager in Niederoderwitz.

Bericht: Pfarrer N.N. aus Leobschütz
aus: Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa, a.a.O. Bd. I 2, S. 708f (Auszug)


Patenschaft der Stadt Oldenburg mit Leobschütz

Oldenburg, Patenbrief für die Stadt LeobschützAm 24. August 1951 beschloss der Rat der Stadt Oldenburg unter Vorsitz von Oberbürgermeister Gustav Lienemann, eine Patenschaft mit der Stadt Leobschütz aufzunehmen. Auslöser war eine Anregung des Verbandes der Ostvertriebenen und der schlesischen Landsmannschaften. Ziel der Patenschaft war es damals, den aus ihrer Heimat vertriebenen Leobschützern eine Stätte zu sein, in der sie ihr Brauchtum und ihre Kultur pflegen und hüten können. Die Stadt Oldenburg hatte in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg über 42 000 Flüchtlinge und Vertriebene  aufgenommen, die hier eine neue Heimat gefunden haben. Die Schlesier stellten den größten Anteil der Vertriebenen dar. Allein über 1 700 Vertriebene kamen aus Leobschütz.

Die Patenschaftsurkunde wurde im Rahmen des zweiten Leobschützer Heimattreffens in Oldenburg am 13. Juli 1952 im Oldenburger Rathaussaal durch Oberbürgermeister Lienemann überreicht und von Franz Litzka, dem Sprecher und Vertreter der Leobschützer, entgegengenommen. Es war der sechste Jahrestag, seit dem die letzten Bewohner Leobschütz verlassen mussten. Einige Wochen später wurde in Oldenburg eine „Leobschützer Straße“ benannt, eine mit Wohnblocks für Vertriebene neu bebaute Querstraße des Trommelwegs in Donnerschwee.

Am 22. September 1957 enthüllte in den Parkanlagen gegenüber dem ehemaligen Peter-Friedrich-Ludwig Hospitals in der Peterstraße Oberstadtdirektor Eilers den „Leobschützer Gedenkstein“. Der Gedenkstein ist ein Patengeschenk der Stadt Oldenburg an die Leobschützer und trägt den Text: „Unvergessene deutsche Stadt im Osten – Leobschütz“. Begleitet sind die Worte von der Jahreszahl „1945“ und dem Leobschützer Stadtwappen. Außerdem sind die Namen der Vertreibungsgebiete auf die Rückseite des Gedenksteines geprägt.

Im Jahr 1968 wurde die Leobschützer Rathausglocke in die Obhut der Stadt Oldenburg gegeben. Die Rathausglocke war im Krieg nicht eingeschmolzen, sondern auf den Hamburger Glockenfriedhof gebracht worden. 1951 wurde sie nach Bad Mergentheim überführt. Das Caritaskrankenhaus Bad Mergentheim benötigte damals eine Glocke für seine Krankenhauskapelle. Nachdem die Stadt Oldenburg die Patenschaft für Leobschütz übernommen hatte und nach Fotos und Erinnerungsstücken suchte, kam der Hinweis auf diese Glocke. Am 1. August 1968 wurde zwischen der Stadt Oldenburg und Bad Mergentheim ein Vertrag geschlossen und die Glocke im Oktober 1968 nach Oldenburg überführt, wo sie auf einem Betonsockel im Garten des Oldenburger Stadtmuseums ruhte.
 
Am 5. September 2009 fand die Glocke nach über 60 Jahren den Weg zurück ins heutige Polen: Stadtrat Martin Schumacher übergab sie an Jan Krówka, Bürgermeister von Glubczyce, dem ehemaligen Leobschütz. Mit der Rückführung der Glocke soll ein Zeichen der Versöhnung gesetzt werden und die Beziehungen der Vertriebenen aus dem ehemaligen Leobschütz mit den heutigen Bewohnern von Glubczyce sollen verbessert und gestärkt werden.

Hauptinhalte der Patenschaft waren die in regelmäßigen Abständen durchgeführten „Leobschützer Heimattreffen“ in Oldenburg. Hier trafen sich seit 1951 im dreijährigen Rhythmus die über das ganze Bundesgebiet verteilt lebenden Leobschützer in Oldenburg. Das bisher letzte Leobschützer Heimattreffen fand am 19. und 20. August 2000 in Oldenburg statt. Die Teilnehmerzahl der aus Leobschütz Vertriebenen am Heimattreffen war in den letzten Jahren rückläufig, da im Verlauf der Zeit viele Betroffene verstorben sind. Es sind keine weiteren Heimattreffen geplant.

Oldenburg, Patenbrief für die Stadt LeobschützEin weiterer Schwerpunkt der Patenschaft war die Einrichtung einer Heimatstube. In der Patenschaftsurkunde vom 13. Juli 1952 heißt es, „Die Stadt Oldenburg will den aus ihrer Heimat vertriebenen Leobschützern eine Stätte sein, in der sie ihr Brauchtum und ihre Kultur pflegen und hüten können.“ Alte Adressbücher, Schriftgut, Fotos, Gebrauchsgegenstände und vieles mehr wurde zusammengetragen, um es als aufschlussreiche Sammlung der Nachwelt zu erhalten. Im November 1992 beschloss der Leobschützer Heimatausschuss, die „Heimatstube“ in Oldenburg aufzugeben und die Exponate wurden in die „Heimatstube des Kreises Leobschütz“ in Eschershausen, Kreis Holzminden, integriert.

Kontakte mit der Stadt Leobschütz bestehen seitens der Stadt Oldenburg nicht, sondern nur zu den ehemaligen Bürgerinnen und Bürgern, die über das gesamte Bundesgebiet verstreut leben. Die Kontaktpflege besteht über den Heimatausschuss Leobschütz, dessen Vorsitz sich in Stuttgart befindet.

Die Stadt Leobschütz liegt in Oberschlesien in der heutigen Republik Polen. Leobschütz erhielt 1187 deutsches Stadtrecht. Zum Ende des zweiten Weltkriegs flüchteten die meisten Leobschützer in den westlichen Teil Deutschlands. Die dort Verbliebenen wurden 1945/46 vertrieben. Die Stadt Leobschütz wurde in Glubczyce umbenannt und hat heute circa 14 000 Einwohner.

Quelle: Stadt Oldenburg (2009)



Siehe auch: http://leobschuetz-oberschlesien2.de/

Stand: 26.06.2012 (http://www.leobschuetz-oberschlesien.de/)